Das polnische Computer Emergency Response Team (CERT Polska) hat Anfang September 2026 Details zu einer Serie kritischer Schwachstellen in MikroTik RouterOS veröffentlicht. Unter dem Namen „MikroTrick“ wird eine gefährliche Exploit-Kette zusammengefasst, die es nicht authentifizierten Angreifern aus dem Internet ermöglicht, die vollständige Kontrolle über verwundbare MikroTik-Router und -Switches zu übernehmen.
Besonders alarmierend: Die Schwachstellen wurden bereits vor dem Patchday aktiv in freier Wildbahn ausgenutzt. MikroTik hat am 03. September 2026 Sicherheitsupdates für alle unterstützten RouterOS-Zweige bereitgestellt und Administratoren sogar per Push-Benachrichtigung über die MikroTik-Smartphone-App alarmiert.
Die Schwachstellen im Detail: Wie „MikroTrick“ funktioniert
Die unter dem Namen MikroTrick von CERT Polska dokumentierte Angriffskette kombiniert im Wesentlichen zwei gravierende Sicherheitslücken im SSH-Dienst von RouterOS:
1. SSH Authentication Bypass (CVE-2026-67276, CVSS 9.2)
Die Schwachstelle liegt in einer unzureichenden kryptografischen Validierung von RSA-Public-Keys beim SSH-Login. RouterOS prüfte bei der Authentifizierung zwar den Schlüsseltyp und das Modul (modulus $N$), versäumte es jedoch, den öffentlichen Exponenten (exponent $e$) vollständig zu verifizieren.
Ein Angreifer, der den Benutzernamen sowie das öffentliche RSA-Modul eines berechtigten Benutzers kennt, kann einen manipulierten Schlüssel mit dem Exponenten $e = 1$ generieren und so eine valide Signatur fälschen. Dadurch gelingt die SSH-Anmeldung am Gerät, ohne im Besitz des dazugehörigen privaten Schlüssels zu sein.
2. Privilege Escalation via Crafted Username (CVE-2026-86060, CVSS 9.2)
Parallel zur Authentifizierungsumgehung existiert ein Fehler in der internen Session- und Rechteverwaltung. Durch die Übergabe einer speziell präparierten Zeichenkette als Benutzername während des SSH-Verbindungsaufbaus gelingt es dem Angreifer, die Session-Policies auszuhebeln und sich administrative Vollzugriffsrechte (write, policy, full) zu verschaffen.
Die Kombination als Exploit-Kette
Werden beide Lücken hintereinandergeschaltet, verwandelt sich das Gespann in eine verheerende Remote-Takeover-Kette: Über das Internet erreichbare Router können ohne gültiges Kennwort oder privaten SSH-Schlüssel kompromittiert und mit vollen Administratorrechten übernommen werden.
Weitere identifizierte Schwachstellen
Im Rahmen der Untersuchungen von CERT Polska wurden insgesamt sechs Schwachstellen in verschiedenen Komponenten von RouterOS aufgedeckt:
- CVE-2026-67277 (CVSS 8.8): Fehler im
bandwidth-test-Dienst, der zu einem Kernel-Memory-Leak oder Remote Denial-of-Service (Kernel-Panics und Neustarts) führen kann. - CVE-2026-67278 & CVE-2026-67279: Schwachstellen bei der Verarbeitung von X.509-Zertifikaten.
- CVE-2026-67281: Sicherheitslücke in der Weboberfläche WebFig.
Aktive Angriffe in freier Wildbahn
CERT Polska und Sicherheitsforscher beobachten seit mindestens Anfang September 2026 weltweite Scan- und Angriffswellen auf RouterOS-Geräte, deren SSH-Port (Port 22) ungeschützt im öffentlichen Internet erreichbar ist.
Bei erfolgreicher Kompromittierung führen Angreifer typischerweise folgende Aktionen durch:
- Hinterlegung von Backdoor-Konten: Anlegen unautorisierter Administrator-Benutzer (häufig mit unauffälligen Namen wie
opsoder zufälligen Kennungen). - Persistenz über Skripte: Einrichtung manipulativer Einträge unter
/system scriptund zeitgesteuerter Ausführung via/system scheduler. - Missbrauch als Relay / Proxy: Aktivierung von SOCKS- oder HTTP-Proxys (
/ip proxy,/ip socks) sowie Einrichtung von Tunneln (WireGuard, GRE, EoIP), um den Router für Angriffe auf interne Netzwerke oder kriminelle Proxynetzwerke zu missbrauchen. - Firewall-Modifikationen: Aufweichen der Filterregeln, um spätere Zugriffe abzusichern.
Welche Versionen beheben das Problem?
MikroTik hat umgehend reagiert und schließt die Lücken mit den folgenden RouterOS-Versionen (veröffentlicht am 03.09.2026):
- RouterOS v7 (Stable/Upgrade): ab Version 7.24.2 bzw. 7.23.4
- RouterOS v7 (Testing/Beta): ab Version 7.25beta3
- RouterOS v6 (Long-term / Legacy): ab Version 6.49.21
Zusätzlich hat MikroTik in den bereinigten Versionen eine automatische Integritätsprüfung beim Systemstart integriert: Wird eine verdächtige Konfigurationsänderung aus früheren Angriffen erkannt, erscheint im Systemprotokoll der Vermerk „Flagged“.
Warnung
CERT Polska warnt ausdrücklich: Das Fehlen des Flags „Flagged“ ist keine Garantie dafür, dass das Gerät nicht kompromittiert wurde! Eine manuelle Prüfung bleibt unerlässlich.
Dringender Appell: Halten Sie Ihre Geräte unbedingt aktuell!
Router, Firewalls und zentrale Switches sind das Fundament jeder sicheren IT-Infrastruktur. Werden diese Perimeter-Geräte vernachlässigt, steht Angreifern das Tor zum gesamten Firmen- oder Heimnetzwerk sperrangelweit offen.
Wir weisen alle Betreiber von MikroTik-Geräten mit allem Nachdruck darauf hin:
- Geräte immer aktuell halten: Spielen Sie die neuesten Software-Versionen von RouterOS zeitnah und gewissenhaft auf allen Geräten ein. Das Einspielen von Sicherheitsupdates ist keine optionale Wartungsaufgabe, sondern die wichtigste Schutzmaßnahme überhaupt.
- Management-Dienste niemals ins Internet exponieren: Kein SSH-, WinBox- (8291), WebFig- (80/443) oder Bandwidth-Test-Port (2000) sollte jemals ungeschützt an öffentlichen IP-Adressen lauschen. Der administrative Zugriff gehört ausnahmslos in separate Management-VLANs oder muss über verschlüsselte VPNs (wie z. B. WireGuard) und restriktive IP-Zugriffslisten (
/ip service set ssh address=...) abgesichert werden. - Geräte auf Kompromittierung prüfen:
- Prüfen Sie Benutzerkonten:
/user print - Prüfen Sie geplante Tasks und Skripte:
/system scheduler printund/system script print - Kontrollieren Sie offene Proxys und Tunnel:
/ip proxy print,/ip socks print,/interface wireguard print,/interface eoip print - Prüfen Sie Firewall- und NAT-Regeln:
/ip firewall filter print,/ip firewall nat print
- Prüfen Sie Benutzerkonten:
- Im Zweifelsfall: Netinstall und Neuaufbau: Besteht der Verdacht auf eine erfolgte Kompromittierung, empfiehlt sich ein vollständiges Neuaufsetzen des Geräts via MikroTik Netinstall, gefolgt von einer sauberen Neukonfiguration (kein unbesehenes Einspielen verdächtiger binärer Backups!).
Weiterführende Links und Quellen
- Analyse und technischer Bericht von CERT Polska:
- CERT Polska: Vulnerabilities in MikroTik RouterOS (MikroTrick) (Englische Fassung)
- CERT Polska: Podatności w oprogramowaniu MikroTik RouterOS (Polnische Originalmeldung)
- MikroTik Sicherheitshinweise & Software-Downloads:
- Schwachstellen-Referenzen (CVEs):
